
Copyright Michael Blümel
Vom Steh- zum Sitzpinkler
Hermann L. hatte 61 Jahre lang auch nicht im Entferntesten an die Möglichkeit gedacht, dass etwas plötzlich nicht mehr so einfach und selbstverständlich laufen würde, wie er es bisher gewohnt war. So ganz nebenbei konnte es in letzter Zeit schon mal passieren, dass der eine oder andere Tropfen sozusagen "verloren“ ging. Und auch die Meisterschaft früherer Jahre in bezug auf Intensität und absolute Treffsicherheit wurde nur noch selten erreicht. Bei diesen traurigen Anlässen dachte er voller Wehmut an die kindlichen "Doktorspiele" zurück, in deren Verlauf alle daran beteiligten Jungen bis auf eine Ausnahme - Phimose im postoperativen Stadium - den Mädchen in der sportlich durchgeführten Disziplin des so genannten "Weit- und Zielstrullens" deutlich überlegen waren. Dies führte dann oft zum sofortigen Abbruch der im übrigen hoch interessanten Übungen, da die Verliererinnen durch diese häufigen Niederlagen sehr frustriert waren und jegliches Interesse an noch weitergehenden Forschungen, bzw. mehr allgemeinen Untersuchungen verloren hatten. An dieser Stelle soll auch kurz auf die in jüngerer Zeit allerdings heftig umstrittene "Penisneid-Theorie" von Altmeister Siegmund Freud hingewiesen werden, wonach Frauen zumindest zeitweise den Männern ihr primäres Geschlechtsorgan nicht gönnen und es lieber selbst hätten. Auch in späteren Jahren hatte das Bild eines aufrecht stehenden und versonnen vor sich hin strullenden Mannes für L. eine gewisse Faszination.
Vor allem dann, wenn der
bernsteinfarbene Strahl in einem langen und schönen Bogen genau in
das vorgesehene Ziel traf. Dies alles vermittelte ihm ein Gefühl
großer Gelassenheit, ja sogar einer gewissen Souveränität im
Umgang mit der normalerweise eher banalen Verrichtung. Besonders
schöne Erinnerungen hatte er an die nicht gerade seltenen
Gelegenheiten, wenn er diesem dringenden Bedürfnis in der Natur
freien Lauf lassen konnte. Vielleicht spielten hierbei auch gewisse
Urinstinkte eine nicht zu unterschätzende Rolle. Gehört doch im
Reich der Säugetiere die Markierung des eigenen Herrschafts- und
Einflussbereiches zu den vordringlichsten und wichtigsten
Verhaltensweisen des Männchens. Vollends erhärtet wird diese
Ansicht durch das im Verlaufe dieses Rituals geradezu automatische
Aufsuchen eines Baumes, der einerseits als markanter Duftträger
dient, andererseits zusätzlich aber auch einen gewissen Schutz vor
eventuellen Angriffen ehemaliger und somit besonders eifersüchtiger
Revierinhaber bietet. Schließlich befindet Mann sich doch in einer
vergleichsweise wehrlosen Position, die zu einem heimtückischen
Überfall ermutigen könnte. Es soll auch schon Bisse tollwütiger
Füchse gegeben haben.
An diesem für Hermann L. denkwürdigen Abend befand er sich plötzlich und vollkommen unerwartet
selbst in einer Situation, von der er bis dato nur vom Hörensagen
Kenntnis hatte. Nach dem Genuss zweier gut gekühlter Biere blieb
nämlich die bisher immer als ganz selbstverständlich empfundene
zeitlich versetzt vollzogene "Erleichterung" aus und führte
nach anfänglicher Verblüffung über die ungewöhnliche Situation zu
einer unbestimmten Furcht, die sich im Laufe der folgenden Stunden zu
einer regelrechten Panik entwickelte. Eine ärztliche Diagnose war
schnell gestellt: Akute Harnverhaltung bei vorhandenem
Prostata-Adenom in schon fortgeschrittenem Stadium! Eine eilig
vorgenommene Katheterisierung im Krankenhaus führte nur zu einem
kurzzeitigen Erfolg und musste bald durch eine sogenannte
"Ballon-Katheterisierung" ersetzt werden. Hierbei wird ein
Plastikschlauch durch die untere Bauchwand auf direktem Weg in die
Harnblase gelegt. Dort verhindert ein kleiner Ballon das
versehentliche Herausrutschen der neuen Leitung. Am sichtbaren
anderen Ende des Schlauches befindet sich ein Ventil, das wie ein
ganz normaler Wasserhahn betätigt werden kann. Über einen Adapter
können verschiedene Beutel angeschlossen werden. Es
gehört nicht viel Phantasie dazu sich vorzustellen, was der so
bedauernswerte Mann nach all diesen Manipulationen fühlte und die
Ahnung, dass er sich zu diesem Zeitpunkt erst ganz am Anfang seiner
Leidenszeit befinden würde, machte die Sache nicht besser. Nach
langwierigen Tests und zermürbendem Warten auf die Untersuchungsergebnisse fand sich der Patient
nach einer ihm unendlich erscheinenden Wartezeit auf der Station URO 1 im vierten Stock des Krankenhauses wieder. Er fühlte sich hilflos
und allein gelassen. In
der Schilderung aller Maßnahmen fortzufahren, die nun dringend
geboten erschienen und letztlich zur wundersamen Wandlung des
Stehpinklers Hermann L. von einem bisher so „standhaften“ Saulus
zu einem künftig auf der Toilette sitzenden Paulus führten, würde
das vielleicht jetzt noch vorhandene Mitgefühl eines bisher geduldigen
Lesers zu sehr strapazieren. Daher werden die im übrigen
uninteressanten Details einer teilweisen Resektion der Prostata
inklusive einer alle Beteiligten sehr überraschenden nachfolgenden
Übernachtung auf der Intensivstation nicht näher beschrieben. Zumal
Hermann L. verständlicherweise nur über sehr verschwommene und mehr
in den Bereich der Träume gehörende Erinnerungen verfügt. Viel
aufregender und interessanter gestalteten sich die nachfolgenden Tage
und Nächte. Vergleichbar mit einem Fegefeuer, das im Gegensatz zum
Aufenthalt in der Hölle immer noch eine Art Hoffnung bedeutet.
Bei einem sogenannten Uroflow, vom Pflegepersonal liebevoll "Flowchen"
genannt, geht
es darum, durch die Messung der in einer bestimmten Zeit geflossenen
Harnmenge und seiner Intensität einen genauen Aufschluss in Form
einer grafischen Kurve zu bekommen. Hierbei müssen vorgegebene
Standards erreicht und über mehrere Tage eingehalten werden.
Außerdem wird anschließend die nicht abtransportierte Restharnmenge
erfasst. Auch sie darf einen ganz bestimmten Wert nicht übersteigen.
All dies ist natürlich hervorragend dazu geeignet, einen Patienten in die Abgründe der Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit zu
stürzen und somit das erfolgreiche Überwinden der letzten und alles
entscheidenden Hürde vor einer Entlassung zu verhindern. Ein
mehrmaliges Versagen hat nämlich eine erneute Operation zur Folge! An
der Tür des Uroflows fällt übrigens noch auf, dass gelegentlich
ein nicht zu übersehender flackernder roter Schriftzug das Betreten
verbietet. Bisher hatte der Genesende aber weder die Veranlassung
noch ein größeres Interesse daran, nähere Erkundigungen über Sinn
und Zweck dieses Ortes einzuziehen. Dies änderte sich allerdings
schlagartig, als im Verlauf einer ärztlichen Visite eher beiläufig
ein Besuch desselben gewünscht und auf dessen enorme ja geradezu
fundamentale Bedeutung hingewiesen wurde. Irritierend war der
gemurmelte Hinweis, unbedingt mit voller Blase auf ganz natürlichem und direktem Wege dort eine
erste "Funktionsprüfung" vorzunehmen.
Hat der Patient das
Uroflow erst einmal betreten vermittelt ihm ein nicht näher zu
lokalisierendes Summen und schmatzende, zeitweise auch gurgelnde
Geräusche, das Gefühl einer insgesamt irritierenden und
bedrückenden Atmosphäre. Erste Panik kommt auf, weil sich die Tür
nicht schließen lässt. Schon so mancher arme Teufel hat nämlich
dort einen völlig unerwarteten Kreislaufkollaps erlitten. In diesem
Fall ertönt ein Alarmton und das herbeigeeilte
Pflegepersonal kümmert sich routiniert um den Unglücklichen.
Bedingt durch den enormen Stress, eine unter Umständen wochenlang
blockierte Leitung wieder in Betrieb setzen zu müssen, ist das
Gehirn offenbar nicht fähig sich da völlig rauszuhalten und einfach
laufen zu lassen, was laufen soll. Gebieterisch fordert übrigens ein
unübersehbares Schild dazu auf, den alles
entscheidenden Vorgang ausschließlich nur im Sitzen zu absolvieren.
Zu diesem Zweck gibt es ja normalerweise eine Klobrille. Wer aber jetzt darunter das vertraute Becken erwartet, wird enttäuscht. Vielmehr
lauert ein überdimensionierter Trichter leise vibrierend auf ein
messbares Ergebnis. Ein mit ihm verbundener ungewöhnlich dicker
Schlauch verläuft in einigen Kringeln nach unten und verschwindet im
Fußboden. Der Erwartungsdruck auf den
Patienten ist ungeheuer und führt erfahrungsgemäß beim ersten Mal
bei fast allen Patienten zu einem sogenannten "Abbruch". So auch bei Herrn L., der ganz geknickt und im wahrsten Sinn des Wortes am Boden zerstört war. Er hatte nach seiner erfolgreich verlaufenen
Wiederbelebung große Mühe, seine Enttäuschung zu überwinden.
Im Laufe der
nächsten Stunden wurde der wiederholte Besuch des Uroflows für ihn
zum Albtraum und an eine entspannte Sitzung war nicht mehr zu denken.
Hinzu kam eine in ihrer Tragikomik kaum zu überbietende Szenerie.
Eine schier endlose Prozession alter Männer trippelte oder schlich
in den mit allerlei medizinischem Gerät vollgestopften Gängen und
Fluren der Station umher. Viele der Patienten waren mit ihren
jeweiligen Urinbeutelchen fest verbunden, die sich nur durch den
Farbton ihres Inhaltes voneinander unterschieden und so dem Kundigen
sofortigen Aufschluß über den genauen Zeitpunkt der bereits
erfolgten Operation vermittelten. Es gab die Schamhaften, die ihren
wichtigen Begleiter unter dem obligatorischen Bademantel versteckt
hatten. Aber es gab auch die Stolzen, deren ganz offen getragener
Beutelinhalt fast schon wieder in normalen Farben schimmerte. Und die
allerdings nicht ahnten, was in den nächsten Tagen für ein
furchtbares Horror-Szenario auf sie zukommen würde. Vereinzelt
irrten auch ganz normale Besucher umher, die beim Anblick einiger
besonders roter Beutel, was auf eine erst kürzlich überstandene
Operation hindeutete, schaudernd die Augen niederschlugen und mit
eiligen Schritten dem Ausgang zustrebten. Alle Zurückgebliebenen
aber blickten verstohlen und voller Neid auf die vermeintlich
Glücklichen, die ohne "Zubehör" lässig
umherschlenderten, um nach einer gewissen Zeit dann wie zufällig
nacheinander hinter der Tür des Uroflows zu verschwinden.
Seit
einiger Zeit war der einzige Stuhl gegenüber fast ständig besetzt
und Herr L. musterte mit einem leidvoll erworbenen Kennerblick die
Heraustretenden, beziehungsweise die hinaus Getragenen. Letztere
erregten verständlicherweise sein besonderes Mitgefühl und seine
Anteilnahme. Er hatte das tröstende Gefühl, diesem seelenlosen
Ungeheuer nicht allein ausgeliefert zu sein. Nachdenklich saß er auf
seinem Platz und ganz allmählich reifte in den folgenden Stunden bei
ihm ein zunächst noch unbestimmter Gedanke zu einem wahrhaft
genialen Plan, der nur noch getestet und zu gegebener Zeit ausgeführt
werden mußte.
Es ist ruhig auf der Station frühmorgens um 05:00 Uhr. Am Ende des langen
Flures wird plötzlich eine Tür geöffnet. Hermann
L. in seinem kurzen Nachthemdchen tritt heraus und eilt mit schnellen Schritten zum Ort
seiner traumatischen Niederlagen. Energisch und voll finsterer
Gedanken betritt er das Uroflow. In der zitternden
rechten Hand hält er eine halbvolle Flasche. Der Inhalt besteht aus
eigener Produktion und ist so klar wie geschliffener Bernstein. Er
soll, so ist es geplant, unter exakter Berücksichtigung ganz
bestimmter Intervalle von unterschiedlicher Dauer und Quantität in
den heimtückisch vibrierenden Schlund des Ungeheuers geschüttet
werden, um dadurch ein ideales Ergebnis zu simulieren. Doch plötzlich
überkommt ihn mit Urgewalt ein unwiderstehlicher Drang, sich ganz
entspannt hinzusetzen und den Dingen ihren natürlichen Lauf zu
lassen.
Später wundert sich die Frühschicht über eine
offensichtlich nur zur Hälfte ausgetrunkene Flasche. Sie steht auf
dem Boden des Uroflows und sieht aus, als könne sie kein Wässerchen
trüben.
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